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Friederike Hinz 05.05. - 30.06.06

Friederike Hinz




Der Begriff „Feldforschung“ bezeichnet eine empirische Forschungsmethode der Geisteswissenschaften. Unter Feldforschung versteht man die systematische Erforschung von Kulturen oder bestimmten Gruppen, indem man sich in deren Lebensraum begibt und das Alltagleben der Menschen zeitweise teilt. Der Forscher versucht dabei möglichst objektiv zu beobachten und wissenschaftlich auswertbare Daten über die Verhältnisse in der Wirklichkeit zu erfassen.

Friedrike Hinz betreibt Feldforschung beim Hasen, sie begibt sich in Feld und Flur Ihres heimatlichen Umfelds, um dort dem Feldhasen nachzuspüren. Die Malerin fotografiert den Hasen mit der Digitalkamera, ein nicht allzu leichtes Unterfangen, bedenke man die Flüchtigkeit und allseits bekannte Schnelligkeit dieses Tieres. Diese Fotos werden dann am Computer überarbeitet. Die so entstehende digitale Skizze dient als Vorlage für eine Landschaftsmalerei, die in Pinselsetzung, Licht und Farben impressionistisch anmutet.
Es ist dabei eine äußerst zeitgenössische Auseinandersetzung mit Malerei und sehr moderne „Aneignung“ der Natur, die nichts mit der Plein Air Malerei der Impressionisten zu tun hat, außer der intensiven Beschäftigung mit der Farbe und dem Licht.
Neben der Feldforschung classic entstehen die Feldforschung close und Feldforschung close big: hier wird das entscheidende Detail der Landschaften der Feldforschung classic - der oder die Hase/n - herausgehoben und isoliert. Dieses Detail wird herangezoomt, vergrößert und in ein Gemälde eines anderen Formats übertragen: die extreme Vergrößerung und Nahsicht löst das Motiv in Farbe und Fläche auf.
Das Motiv, der Hase, ist keinesfalls zufällig oder lediglich ein Vorwand fürs Malen, jedoch beim Close wird es belanglos, der Akt des Malens wird hier zum Thema: Komposition, Farbe, Form! In dem Maß, in dem die Vorlage unwichtig wird, gewinnt der Malprozess an Bedeutung. Das Gegenständliche und das Abstrakte verbinden sich zu Farbflächen, Formen und Mustern.

Seit über zwanzig Jahren malt Friederike Hinz den Hasen in allen seinen möglichen Erscheinungsformen. Sie ist dem „Phänomen Hase“ seit langem auf der Spur.
Der Hase ist, wie sie selbst sagt, ihr „ureigenes Motiv“, sie habe schon immer eine total persönliche Affinität zu diesem Tier gehabt, und obwohl es in der kunsthistorischen Ikonographie bereits besetzt ist, wollte und konnte sie als Künstlerin nicht davon lassen.
Sie hat sich allerdings erst nachdem bereits ein eigenes Fundament ihrer künstlerische Auseinandersetzung bestand, mit den großen Vorgängern auseinandergesetzt.
Dürers „Junger Feldhase“, das Aquarell aus dem Jahre 1502 ist eines der bekanntesten Bilder der Kunstgeschichte.
Joseph Beuys hat sich als „Hasomane“ bezeichnet und besonders intensiv mit dem Hasen auseinandergesetzt und identifiziert. „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ war 1965 in der Düsseldorfer Galerie Schmela ein provokativer und poetischer Akt. Ebenso wie die Erschaffung des „Friedenshasen“ zur 7. dokumenta. Seine Kunst sollte auch auf einen Idealszustand verweisen, in dem Mensch und Tier und Pflanze in einer ausgeglichenen Beziehung miteinander stehen.

In diesem Sinne müssen wir auch Friederike Hinz verstehen, sie wendet sich lieber dem Tier zu, als dem Menschen. Sie möchte unser Bewusstsein schärfen, für die Zentrierung auf den Menschen und die darin implizierte Geisteshaltung, die den Menschen als Krone der Schöpfung über alles stellt.

Die motivische Beschränkung auf den Hasen bedeutet für Hinz keine Einschränkung, sondern aus der Spezialisierung entstehen unendlich viele Themen und Gebiete. Konzentration und Meditation sind zentrale Begriffe für den Schaffensprozess der Künstlerin. Die Durchdringung, Aufspaltung des Themas, die Kernspaltung und das Vordringen zum Kern einer Sache, eines Dings über die Meditation und Konzentration ist der Weg der Malerin und Zeichnerin Friederike Hinz, um sich dem „Phänomen Hase“ anzunähern.
Dabei sind die Arbeiten von einer allgemeingültigen Verständlichkeit, der Betrachter erkennt Vertrautes wieder. Die ländliche Natur, der possierliche Hase, aber auch den Hasen als Wildtier. Er ist ein erfolgreiches Säugetier – man bedenke die Fruchtbarkeit des Hasen, der auch Sexual- und Fruchtbarkeitssymbol, religiöses Symbol war und ist. Und der Hase wird gejagt, hat natürliche und zivilisationsbedingte Feinde, insbesondere den Menschen, der seinen Lebensraum bedroht. All dies steckt ebenfalls in den Arbeiten von Friederike Hinz.

Die stilistische Vielfalt der Arbeiten Friederike Hinz’ zeigt ihre Neugierde und Freiheit wie auch ihr Können im Umgang mit den Möglichkeiten der Malerei und Zeichnung. Die Künstlerin schöpft für den eigenen künstlerischen Ansatz und Prozess die verschiedenen Möglichkeiten aus, die ihr Computer, Fotografie und diverse Mal- und Zeichen-Techniken bieten. Sie reflektiert Mittel und Möglichkeiten der Malerei in ihrem Werk.

Ein weiterer Aspekt der im Zusammenhang mit Friederike Hinz’ Feldforschung classic genannt werden muss, ist der, der Landschaftsmalerei als Gattung.

Die Landschaftsmalerei ist als eigenständige Gattung erst Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden, wurde in der Romantik zur wichtigsten Gattung der Malerei, erfüllt mit weltanschaulichen Ideen, verschmelzen hier menschliche Gefühlswelt und beseelte Natur zu einer malerischen Einheit. Turner und Constable haben die Landschaftsmalerei zur Naturstudie gemacht, Lichtwirkung wiedergegeben und damit die Voraussetzung für die impressionistische Malerei geschaffen: die Plein-Air-Malerei in der das Licht zum eigentlichen Thema wurde. Die Expressionisten wollten die Landschaft nicht abbilden, sondern formten sie in farbintensive Kompositionen um. Nach `45 war die Landschaft kein Thema in der Malerei und wurde erst in den 60er Jahren wieder Gegenstand der Auseinandersetzung. Jüngste Strömungen in der Kunst zeigen eine neue romantische Malerei, die auch die Gattung Landschaft wiederbelebt.
Hinter der Sehnsucht nach dem Paradiesischen, Schönen und Märchenhaften sind das Abgründige und das Unheimliche jedoch ebenso präsent, wie das Wissen um das Scheitern von Utopien.

Auch Friederike Hinz schafft mit ihren Wiesen- und Waldstücken ihrer Heimat am Niederrhein, Bilder mit einer romantischen Aura. Der Mensch fehlt gänzlich, das Tier - in enger Verbundenheit lebend mit der umgebenden Natur, einer Kulturlandschaft, geschaffen von Menschen - verschwindet fast in ihr und ist dennoch zentrales Motiv der Arbeiten. Diese Landschaften zeigen eine kultivierte Natur, die zwar vom Menschen gestaltet, aber dennoch nicht komplett von ihm beherrscht ist, die ihre Schönheit entfaltet in ihrem ihr ureigenen Sein, in den Farben, im Licht und - in der Reduktion der Darstellung, wie Friederike Hinz sie gewählt hat, um die Darstellung malerisch zu steigern. Pinselduktus, der Einsatz des Lichts erinnern an die kunsthistorischen Vorbilder der impressionistischen Malerei. Die Nutzung der modernen Medien wie Fotografie und Computer sind Grundlage und Ausdruck ihres zeitgenössischen Ansatzes ihrer Malerei.

Der Künstlerin geht es in ihrem Arbeiten immer um die Auseinandersetzung mit den Themen Vergänglichkeit und Sein, Tod und Leben, als die beiden Pole, der Dualismus, zwischen denen sich unser Dasein und In-der-Welt-Sein bewegt. Daher ist die Motivwahl zum Teil auch sehr drastisch: der tote Hase, wie wir ihn im Linolschnitt „Muschi“ sehen, genauso wie der große Linolschnitt „Idaho“, der auf eine Hasenplage in den 80erJahren in den USA, zurückgeht. Die Drastik des Themas offenbart sich hier erst durch die Erläuterung: die Hasen laufen alle auf einen Fluchtpunkt zu, werden in ein bezäumtes Gebiet getrieben, um dann ihrem sicheren Tod entgegenzusehen. Entstanden ist daraus ein Bild von enormer Dynamik und Schönheit, von räumlicher Weite und Tiefe, von Reduziertheit und Fülle. Das Bild ist zugleich eine Bewegungsstudie des Hasen und eine Offenbarung für so manchen Jäger, der sich einer solch großen Anzahl von Hasen sehnsüchtig erinnern wird und den Lepus auf großartige Weise erfasst sieht.
Die Technik des Linolschnitts hat Friederike Hinz als Assistetin von bei Jörg Immendorff studiert. Ein weiteres wunderschönes Beispiel dieser traditionellen Drucktechnik liegt vor in dem aufwendig und liebevoll gestalteten Kinderbuch „König Fritz“.

Die fortlaufend entstehende Werkkomplex „Punkhasen“, nimmt die Landschaften der Feldforschung auf, setzt diese in Bleistiftzeichnung um. Vor diesen romantischen Background setzt Friederike Hinz Kitsch- und Kultobjekte rund um das Phänomen Hase.

Auch die Feinde des Hasen hat Friederike Hinz thematisiert, im Werkkomplex „Transformator“ fassen der Habicht, der Uhu und die Wildkatze das im Dickicht verborgene Hasentier fest ins Auge. Mittels der Hasenbrillen kann der Betrachter versuchen, sich in die Perspektive des Hasen einzufühlen, wenn dieser sich seinen Feinden gegenübersieht. Der Begriff „Feldforschung“ bezeichnet eine empirische Forschungsmethode der Geisteswissenschaften. Unter Feldforschung versteht man die systematische Erforschung von Kulturen oder bestimmten Gruppen, indem man sich in deren Lebensraum begibt und das Alltagleben der Menschen zeitweise teilt. Der Forscher versucht dabei möglichst objektiv zu beobachten und wissenschaftlich auswertbare Daten über die Verhältnisse in der Wirklichkeit zu erfassen.

Dieser Eintrag wurde am 01.06 2007 um 17:03 Uhr geschrieben.


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